Tarik Huber als Redner in der Freilassinger Moschee

„Wer die Bosnier verstehen will, muss den Bosnienkrieg verstehen“

Interview mit dem Vorsitzenden des Bosnischen Kulturvereins in Freilassing, Tarik Huber, am Rande der Gedenkveranstaltung am 11. Juli 2026, Jahrestag des Genozids von Srebrenica (Wofür steht Srebrenica?)

Der Bosnische Kulturverein in Freilassing lud am Jahrestag des Völkermords von Srebrenica zu einer Vortragsveranstaltung in seine Moschee nahe der Feuerwehr ein. In einem Interview äußerte sich der Vereinsvorsitzende, Tarik Huber, aus seiner Sicht.

JT: Herr Huber, warum ist es Ihnen wichtig, die Freilassinger Bevölkerung an das Geschehen im bosnischen Srebrenica vor 31 Jahren zu erinnern?

TH: „Die Veranstaltung heute ist dafür da, uns näher kennenzulernen, um zu zeigen, was unser großer Schmerzenspunkt ist. Es geht uns wirklich sehr nahe. Wer die Bosnier verstehen will, muss den Bosnienkrieg verstehen.

Man sieht es an den Fragen, dass es noch viel zu verstehen gibt. Vielen ist auch das Ausmaß nicht bewusst. Srebrenica ist nur der Gipfel eines Eisbergs. Es gab zum Beispiel ein weiteres Ereignis mit 5000 Ermordeten in der sogenannten Sicherheitszone.“

JT: Was ist Ihr persönlicher Hintergrund?

TH: „Ich bin Jahrgang 1987 und war während des gesamten Krieges als Flüchtling mit meinen Eltern in Erfurt. Sie haben die Vorgänge von mir ferngehalten. Gestern haben meine achtjährigen Zwillinge Fotos gesehen und Fragen gestellt und ich wusste nicht immer, wie ich es erklären sollte. Manches sollen sie jetzt auch noch nicht erfahren.

1997 sind wir nach Bosnien zurückgekehrt. In der Schule und über die Medien erfuhr ich von den Ereignissen davor. Später sorgte ein Professor an der Uni dafür, dass wir Srebrenica besuchten und das Geschehene erklärt bekamen, dafür bin ich dankbar.

Wir als Verein möchten auch junge Leute an diesen Ort bringen, um einen realistischen Eindruck zu geben. Manche gehen auch auf einen Friedensmarsch oder fahren mit dem Motorrad.“

JT: Wie sehen Sie die Situation heute in Deutschland vor dem Hintergrund von Srebrenica?

TH: „Die Ukraine ist jetzt wichtig, weil Deutschland sich gefährdet sieht, das kleine Bosnien war weniger wichtig. Die deutsche Bevölkerung sah es damals distanziert. Man sieht, wie viel Mühe sich Deutschland gibt, die Ukraine bei der Verteidigung zu unterstützen, gegenüber Bosnien ist das nicht annähernd passiert.“

JT: Im palästinensischen Gazastreifen werden jetzt wie damals viele tausende Moslems ermordet. Was denken Sie darüber?

TH: „Die Deutschen sollten sich an die Vereinten Nationen halten. Die UN ist dazu da zu beobachten und Verstöße zu ahnden. Jetzt sind sie sich sicher, dass es hier um einen Genozid geht. Für uns Bosnier ist die UN der Garant dafür, dass wir sicher sind. Wenn das infrage gestellt wird, dann betrifft das auch uns Bosnier. Sagt man dann irgendwann „das in Bosnien war auch kein Völkermord“?“

JT: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Zivilisten in der Sicherheitszone ermordet werden konnten?

TH: „Es ist unter den Augen der UN passiert, UN-Soldaten waren vor Ort. Man hätte es leicht stoppen können. Die Bevölkerung hat den Institutionen vertraut und die Waffen abgegeben. So hatten sie dann keine Möglichkeit, sich zu verteidigen.“

JT: Herr Huber, möchten Sie noch etwas über Ihren Verein sagen?

TH: „Der Verein möchte die Mitglieder in Freilassing und Umgebung besser repräsentieren und ist für alle offen. Wir sind den Politikern aller Parteien dankbar, dass sie uns unterstützen und wir an der Integration mitarbeiten können.“

JT: Vielen Dank für das Interview!

Tarik Huber (rechts) im Kreis von Freilassinger Kommunalpolitikern, Beitragsbild: Tarik Huber in der Freilassinger Moschee, beide: BKV