
Volkshochschule machte Freilassinger Geschichte anschaulich
Großer Teilnehmer-Zuspruch trotz Hitze am 150. Jahrtag Karl Rittmanns
Freilassing. Dr. Helga Huber, Leiterin der Volkshochschule Rupertiwinkel, konnte erfreut über 60 Besucher am Startpunkt eines Stadtspaziergangs in der Freilassinger Bahnhofshalle begrüßen. Am 29. Juli referierten fünf verschiedene Erzähler an sechs Stationen in der Innenstadt zum 150. Geburtstag des früheren SPD-Bürgermeisters Karl Rittmann. (Fernsehbeitrag von heute beim RFO)
Noch im Bahnhofsgebäude ging der Leiter der Veranstaltung, Friedbert Mühldorfer von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), auf die Entwicklung von Freilassing ein, besonders aufgrund der Eisenbahn. Diese bedeutete das Entstehen einer neuen Gesellschaftsschicht im Ort, der Arbeiterschaft. Zusammen mit dem allgemeinen Wahlrecht und Frauenwahlrecht trug das dazu bei, dass die SPD hier 1919 die absolute Mehrheit bekam und Rittmann Bürgermeister werden konnte.

Sein gleichnamiger Enkel (im Beitragsbild) trug am Ort des damaligen Wohnhauses der Familie in der jetzigen Lindenstraße vor und ließ viele weitere Kenntnisse über die Geschichte seiner Heimatstadt aufblitzen, so auch bei einem Abstecher zur früheren Jahn-Turnhalle.
Gleich daneben, vor der alten Feuerwehr, informierte der Archivar des Stadtmuseums, Jan Diblik, vor allem über Infrastruktur-Maßnahmen in der Zeit des Bürgermeisters der Zwischenkriegszeit und der ersten Nachkriegsjahre.
In diesem Zusammenhang betonte Friedbert Mühldorfer die Bedeutung dieser Errungenschaften wie dem Schwimmbad oder dem neuen Krankenhaus. Es wurden politische Entscheidungen nicht vom Bürgertum in seinem Interesse gefällt, sondern sie kamen der Allgemeinheit und somit der Arbeiterschaft zugute. Ironischerweise war das nicht zuletzt den Nazis mit ihrer sogenannten Arbeiterpartei ein Dorn im Auge.

In etwa dann, als diese Rittmann im Zuge der Machtergreifung 1933 bereits abgesetzt und verhaftet hatten, eröffnete das Ehepaar Franz und Irma Schmeisser am heutigen Eingang zur Fußgängerzone sein Ladenlokal. Hier, vor dem ehemaligen Bäcker Sinzinger und dem Augenhaus, ging Julian Traublinger auf die Lebensgeschichte der Irma Schmeisser, geboren in die jüdische Familie Friedmann aus Laufen, ein. Mit Franz und den zwei Kindern verließ sie den Ort 1936 Richtung Salzburg und versteckte sich 1944/45 erfolgreich in den Tennengauer Bergen. Irma wurde Malerin und gab sich den Künstlernamen Rafaela Toledo. 2023 hatte Traublinger in Freilassing eine Ausstellung über Leben und Werk kuratiert.
An dieser Station wurde das ebenfalls jüdisch-deutsche Ehepaar Meier erwähnt, das beim Bombenangriff 1945 umkam. Auffällig ist, dass das Standesamt die Tode im Gegensatz zu den anderen Opfern erst drei Tage später verzeichnete.
So wurde auf das Schicksal der Bürger jüdischer Herkunft eingegangen, das ebenfalls eines der Verfolgung ist, wenn auch noch ganz besonders im Vergleich zu politisch Linken und weiteren Betroffenen.
Ziel war nach einem Zwischenhalt am früheren Rathausplatz dann der „Franziskaner“, heute das Wirtshaus Schmuggler. Hier sprach zum Abschluss SPD-Ortsvorsitzender Johannes Heimerl an der Stätte der Wiedergründung seiner Parteigliederung. Er skizzierte noch Rittmanns Lebensgeschichte, erwähnte die Rolle des SPD-Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner und führte auch an, dass unter Karl Rittmann der erste Kindergarten gegründet wurde.

Beim Schmuggler fanden sich noch einige Teilnehmer zusammen und tauschten sich nicht zuletzt über die Kommunalpolitik aus. Unter ihnen waren Parteimitglieder nahezu aller Couleur, aber auch historisch Beschlagene und Interessierte verschiedensten Alters, Frauen und Männer. „Genau das Publikum, das ich mit der Volkshochschule erreichen möchte“, resümierte Dr. Helga Huber zufrieden.
(Eine entsprechend redigierte Fassung erschien im Reichenhaller Tagblatt / Freilassinger Anzeiger am 6. August 2026.)