Amadeus Fleckinger, Kreativnest

„Es ist wie säen auf Fliesenboden“

Trotz Trend zum Home Office: Kreativnest von Amadeus Fleckinger kommt nicht so recht in Fahrt

Reichenhaller Tagblatt / Freilassinger Anzeiger, 27.08.2020

In zentraler Lage, und doch unterm Radar: Das Kreativnest. − Fotos: Johannes Geigenberger/privat

Freilassing. Home Office ist derzeit in aller Munde. Doch was, wenn man selbst zuhause gar keine Räumlichkeiten hat, um von dort zu arbeiten? Eine Alternative kann das Freilassinger Kreativnest in Freilassing sein. Anfang 2018 von Amadeus und Tina Fleckinger gegründet soll es Gründern, Unternehmern und Selbstständigen aus der Region die Möglichkeit geben, sich wortwörtlich ins „gemachte Nest“ zu setzen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Konkret bedeutet das: Die beiden Wahl-Teisendorfer bieten ihren Nutzern einen komplett ausgestatteten Arbeitsplatz an. Neben einem Schreibtisch und seit neuestem einem abschließbaren Büroabteil stehen dem Mieter schnelles Internet, eine Kaffeemaschine, ein Besprechungsraum, ein gemütlicher Aufenthaltsraum und sogar ein Fotostudio zur Verfügung. Der Zugang zum Kreativnest ist für die Nutzer rund um die Uhr möglich. Eigentlich eine gute Sache, doch Amadeus wünscht sich mehr Unterstützung in der Region.

Hallo Amadeus (im Kreativnest besteht Duz-Pflicht), wie kam es dazu, dass ihr das Kreativnest gegründet habt und wie hat es sich entwickelt?
Amadeus Fleckinger: Wir sind nun schon über neun Jahre selbstständig. Von Anfang an haben wir das Netzwerken als essentiellen Teil eines erfolgreichen Unternehmens gesehen – vor allem wenn man anfängt, braucht man starke Partner und natürlich auch die richtigen Kunden. Einen Ort dafür haben wir im Berchtesgadener Land komplett vermisst. Damals hat es uns immer nach Salzburg verschlagen. Irgendwann haben wir einfach beschlossen, selbst die Grundlage dafür zu schaffen – so wurde das Kreativnest ins Leben gerufen. Als Coworking Space und Veranstaltungsort für Weiterbildung und Vernetzung sollte es einen Nährboden für das gemeinsame Wachsen schaffen. Ein gutes Beispiel dafür waren die Gründerkaffees – beim ersten hatten wir über 60 Teilnehmer.

Würde sich mehr Unterstützung wünschen: Amadeus Fleckinger.

Wie viel Zeit habt ihr in das Kreativnest investiert?
Fleckinger: Tina war Vollzeit für die wöchentlichen Veranstaltungen und die Verwaltung der Büromieter beschäftigt. Dieses Businessmodell ist nicht gewinnorientiert und die Werbeagentur finanziert aktuell alles quer – wir haben die letzten zweieinhalb Jahre im oberen fünfstelligen Bereich investiert. Irgendwann muss man halt dann doch Bilanz ziehen, vor allem, wenn die regionale Unterstützung ausbleibt.

Das Kreativnest ist ein „Coworking Space“. Wie erklärt man Menschen, die mit dem Begriff nichts anfangen können, was das ist?
Fleckinger: Unter Coworking versteht man quasi ein flexibles Gemeinschaftsbüro. Unternehmer und Selbstständige können sich einen Arbeitsplatz mit dazugehöriger Infrastruktur anmieten. Vor allem Personen, die bisher im ,Home Office‘ gearbeitet haben, oder sich selbstständig machen wollen oder sind, profitieren davon. Nicht nur, da sie kein eigenes Büro anmieten und erst mal teuer einrichten müssen, sondern auch wegen dem Netzwerkcharakter. Durch die Vielfalt der ,Coworker‘ entstehen Synergien, man kommt auf neue Ideen und gewinnt natürlich auch den ein oder anderen Auftrag. Man kann einfach gemeinsam wachsen.

Profitiert auch Freilassing?
Fleckinger: Wenn man es genau nimmt sind wir eine Standortentwicklungsmaßnahme, die darauf setzt, dass man gemeinsam mehr schafft, als alleine. Durch unser Kreativnest ziehen wir junge Unternehmer in die Region, die unter Umständen eher nach Salzburg oder München gehen würden. Wir sind sozusagen der Nährboden für Unternehmertum und Gründergeist im Berchtesgadener Land. Dabei ist unser Angebot ressourcensparend, da die Einrichtung und das Büromaterial von mehreren Leuten gleichzeitig genutzt werden können. Zudem steigt die Chance, dass die Unternehmer bei Wachstum in eine Gewerbefläche in der Region umziehen und somit dem Landkreis erhalten bleiben, was wiederum dem rasant ansteigenden Leerstand entgegenwirkt.

Amadeus, du siehst die Förderkulisse in Freilassing kritisch, wie würdest du das ausdrücken?
Fleckinger: Wenn man Zeit investiert und weiß, wo man suchen muss, kann man im Landkreis viele gute Anlaufstellen entdecken. Es ist uns bei Gesprächen auf unseren Veranstaltungen oft passiert, dass den Leuten zum Beispiel der „BGL-Wirtschaftsservice“, die „Gründerlotsin“, das „Wifo“ oder die „Aktivsenioren“ kein Begriff waren. Wir hätten selbst das Feuer, etwas daran zu ändern und haben einen realen Ort des Zusammentreffens, Austauschens und Netzwerkens geschaffen. Allerdings können wir leider nicht gefördert werden, weil wir Unternehmer sind. Einen Verein dafür zu gründen ist viel Arbeit und benötigt viel Zeit, die wir schlichtweg nicht haben. Auch wenn unser Mehrwert nicht zur Debatte steht, können wir das Kreativnest so nicht weiter betreiben.

Warum?
Fleckinger: Der tägliche Kampf gegen Windmühlen, anstelle von Zusammenarbeit auf Augenhöhe und partnerschaftlicher Basis raubt uns einfach die Energie und auch langsam die Motivation. Es ist wie säen auf Fliesenboden. In anderen Landkreisen merkt man dagegen, dass es funktionieren kann. In Traunstein hat sich der Oberbürgermeister sogar mal einen Tag ins B1-Connect (das dort ansässige Coworking) gesetzt, um das Konzept kennenzulernen und sich auszutauschen. Zudem wird er es ins Förderkonzept der Stadtverwaltung Traunstein mit aufnehmen. Der Wirtschaftsservice ist dort bereits als fixer Kooperationspartner etabliert. Das B1-Connect und das Kreativnest haben gleichzeitig gestartet. Das B1-Connect ist bereits sehr profitabel und baut gerade weiter aus. Wir dagegen denken darüber nach, zu schließen. Nur ein paar Kilometer weiter, in Salzburg, sprießen die Coworking-Spaces geradezu aus dem Boden. Wie kann das sein?

Hast du irgendwo Gehör gefunden und welche Verbesserungen stellst du dir vor? Was würde dich in Freilassing halten?
Fleckinger: Wir hören eigentlich immer dasselbe: „Ihr seid ein gewinnorientiertes Unternehmen, das können wir leider nicht unterstützen, sonst kommen ja alle anderen auch.“ Ich habe manchmal das Gefühl, dass die eingefahrenen und meiner Meinung nach veralteten Strukturen und Ansichtsweisen dem Fortschritt und der Innovation im Weg stehen. Die Folgen kann man am Aussterben der Fußgängerzone Freilassing und dem Abwandern der Unternehmer sehen. Solange sich die Verantwortlichen auf „Altbewährtes“ stützen und ihre Position und die Budgets nicht praxisorientierter und zeitgemäßer einsetzen, wird sich auch nachhaltig nichts ändern.

Aber grundsätzlich gäbe es in Freilassing Potenzial?
Fleckinger: Ja, wir haben so viel positives Feedback von den Besuchern der Veranstaltungen und auch den Coworkern erhalten. Wir sehen das Ganze weiterhin positiv, weil wir immer noch an die Sache glauben. Vielleicht tut sich ja doch noch was im Landkreis und die Zuständigen wachen auf, um die Zukunft für alle gemeinsam zu gestalten. Eine Sache ist sicher: Der Amadeus von 2011 würde sich über ein solches Angebot wie das Kreativnest auf jeden Fall freuen. Und wer weiß, vielleicht liest die richtige Person dieses Interview und wir verbessern gemeinsam die Welt. Interessenten können gerne einen unverbindlichen Termin vereinbaren und gemütlich bei einer guten Tasse Kaffee das Kreativnest erkunden.

Das Interview führte Julian Traublinger. Weitere Informationen zum Kreativnest unter Telefonnummer 08654 5896743 oder per E-Mail an amadeus@kreativnest-bgl.de.

Zur Person
27.08.2020

Bereits mit 20 Jahren gründete Amadeus seine Werbeagentur „Aurora-Bytes“. Ein Jahr später begann er an der FH Salzburg einen Bachelor mit dem Schwerpunkt Film. Schon in seinem 2. Semester wurde mit Amadeus’ Projekten durch die FH für das Masterstudium geworben. 2015 absolvierte er seinen Bachelor. Diese Expertise und viele Weiterbildungen im Bereich Online-Marketing bringt er nun in das Kreativnest mit ein. Von seinen damals gesammelten Erfahrungen möchte er nun die Nutzer des Kreativnests profitieren lassen. − jt